Morenic Trail 2012

Der 3. Morenic Trail 2012 war bisher meine härteste Schlacht als mutiger Ultra-Trail-Krieger. Der Morenic Trail wird im Oktober nördlich von Turin in den Alpenausläufern mit 109 Kilometer und 2280 Höhenmeter über eine riesige Endmoräne aus der letzten Eiszeit gelaufen. Jeder Finisher kann sich über drei UTMB-Qualifikationspunkte freuen.

Der kurze Laufbericht für die Ungeduldigen

Der Morenic Trail ist ein harter Lauf, über 30% der Läufer bleiben auf der Strecke. Die hohe Ausfallquote hat ihre Ursache im ungewöhnlichen Höhenprofil, geht es doch erst 56 km nur bergab und dann die fast selbe Distanz wieder bergauf. Der Boden ist größtenteils ein sehr harter Waldboden, der zudem mit faustgroßen Kieseln durchsetzt ist. Teilweise müssen recht steile Teilstücke gelaufen werden, aber technisch schwierig wird es nie. Der Weg war 2012 bei Tag und Nacht gut markiert.

Der Lauf ist sehr familiär organisiert, man fühlt sich sofort wohl. Die Labestationen bieten leckeres Essen und sogar Prosecco. Wenn man irgendwann das Ziel erreicht, wird man gefeiert und von den Helfern umsorgt, auch spät nachts um vier. Am Zielort sind Duschen und die Möglichkeit zur Übernachtung mit Frühstück in einer Mehrzweckhalle. Da Start und Ziel recht weit voneinander entfernt sind, fahren zwei Shuttlebusse für die Läufer, die ohne mobiles Supportteam sind. Als weiteren Service sind auch noch alle geschossenen Fotos des Laufes gratis im Internet.

Insgesamt ein schöner Lauf, der nicht unterschätzt werden darf!

Die Fotos vom Morenic Trail 2012

Der Laufbericht in epischer Länge

Ich hatte in 2012 schon zwei Ultras in den Bergen über jeweils knapp 70 km gelaufen, den Zugspitz Supertrail und den Allgäu Panorama Ultra. Insgesamt hatte ich damit schon 4 Qualifikationspunkte für den Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) gewonnen. Es fehlten also nur 3 weitere Punkte, um sich für den UTMB endgültig zu qualifizieren. Recht schnell hatte ich bei den UTMB-Qualifikationsläufen den Morenic Trail gefunden, der die restlichen begehrten 3 Qualifaktionspunkte bringen sollte. Und ganz ehrlich, ich habe den Morenic Trail deswegen ausgesucht, weil er mit seinen 3 Qualifikationspunkten relativ ›einfach‹ erscheint:

  • Distanz: 109 Kilometer
  • Höhenmeter: 2280 Meter
  • Zeitlimit: 24 Stunden
  • Wetter: Freundlich, 10°C bis 20°C

Der Morenic Trail war also ›nur‹ einen Marathon länger als meine bisher gelaufen Ultras. Die Höhenmeter scheinen im Vergleich zu anderen 3-Punkten-Ultras auch moderat und das ganze bei angenehmen Temperaturen. Das seltsame v-förmige Profil hatte ich bei meiner kurzen Recherche zwar gesehen, aber nicht als besonders schwierig befunden. Ratzfatz war ich mit notwendigen Sportattest angemeldet und kurze Zeit später auf dem Weg nach Ivrea, einem schönen mittelalterlichen Städtchen in der Nähe des Startorts Andrate.

Am Abend vor dem Start findet ein kurzes Briefing statt und die liebevoll geschnürten Starterpakete werden ausgeteilt. Neben dem üblichen nutzlosen Chichi gibt es ein Laufshirt, aber auch eine Flasche Wein sowie tolle italienische Leckereien … la dolce vita, ich bin in Italien. Kurze Zeit später noch etwas essen und dann ab ins Hotel.

Am nächsten Morgen ein kleines Frühstück und dann weiter nach Andrate, dem Startort. Die Gebrüder Veranstalter beschreiben den Start ›Ihr werdet’s schon finden, der Start ist größer als das Dorf‹ und sie haben nicht ganz unrecht. Schnell die übliche Ultraausrüstung angelegt: Laufrucksack, Wasser, Futter, Regenschutz, Erste Hilfe, Extrablasenpflaster und zwei Stirnlampen könnte ja spät werden.

Anschließend noch die Schuhwahl: Die Dynafite Feline, die mich über den ganzen Sommer treu begleitet haben, sind leider ›durch‹ und fallen aus. Die Hoka One One scheiden auch aus, weil der Boden rau sein soll und nach einmal Umknicken fehlt mir mein Vertrauen in die Hokas. Bleiben die Salomon Speedcross. Was ich nur ahne, aber noch nicht weiß, die Salomon Speedcross sind nicht für den Morenic Trail geeignet.

Nach kurzer Kontrolle der Pflichtausrüstung kann ich mich am Start aufstellen. Meine Mitläufer scheinen alle superfit und ich beginne — wie immer — zu zweifeln, ob der Morenic Trail wirklich eine gute Idee ist. Startschuss und ab geht’s, gar nicht mal langsam den ersten Anstieg, dann leicht bergab auf einer Forststraße und dann etwas steiler auf den ersten Single-Trails. Das Tempo ist flott, aber noch fühle ich mich gut. Schnell sehe ich die faustgroßen Kiesel im betonharten Boden, noch keine Probleme, aber ich spüre den Boden. Oh Mist, ich spüre wirklich den Boden, setze die Schritte jetzt gezielter vorbei an den großen Kieseln, was nicht immer gelingt. Spüre ich da schon nach 5 km den Beginn einer Blase? Bei der ersten Labestation — so bei Kilometer 15 — muss ich unbedingt die Füße besser mit Blasenpflastern und Tape panzern! Es geht weiter bergab, irgendwie fühlt sich das Laufen komisch an, irgendetwas stimmt nicht.

Endlich die erste Versorgungsstation, schnell die Füße mit Blasenpflaster und Tape panzern. Uii, sehe ich schon so fertig aus, es will sich schon der erste Sani auf mich stürzen. Schnell ein fittes Lächeln vortäuschen, leckere Keckse und Speck futtern und ne Cola trinken, ja ich bin in Italien, Wasser und Softdrinks kein Iso … ich liebe es. Weiter geht’s immer bergab auf harten Straßenbelag ohne faustgroße Kiesel und dann wieder der harte Boden der Endmoräne mit Kieseln. Die Füße tun mir weh und irgendwie stimmt es mit meinen Beinen immer weniger. Langsam zieht ein Krampf am Horizont auf, meine Unterschenkel zucken (fast). Langsam steigt Verzweiflung auf, ich halte an und finde ein altes Gel mit Natrium in meinem Rucksack. Geschluckt und der Krampf verzieht sich etwas, gottlob den Placeboeffekt.

Der Krampf lauert weiter auf mich, aber ich lerne ihn immer auf knapp ausreichender Distanz zu halten … Balancieren auf dem schmalen Grat zum Krampf. Ich werde immer langsamer, immer mehr Läufer überholen mich. An einer kleinen Steigung passiert es: Ich gehe. Die fiese Transformation vom stolzen Trail Runner zum Trail Walker hat schleichend begonnen. Nach weiteren zehn Kilometern bin ich endgültig nur noch ein Speedhiker. Meine geplante Ankunftszeit verschiebt sich um Stunden. Es kommt eine weiter Labestation mit Fotograf an dem locker beschwingt vorbeilaufe, aber dann schnell wieder in Gehen wechseln.

Dörfer kommen und gehen, ich laufe bergab auf Asphalt, bergab auf Waldwegen und bergab auf den verdammten Kieseln. Der Lauf führt häufiger durch schöne Landschaft, oft durch Wald mit starren Blick nach unten auf die Kiesel. Die Temperaturen sind angenehm und ich gehe und gehe und gehe. Ich setze mir überschaubare Ziele, zur nächsten Gabelung, dann zum nächsten Dorf, über die mittelalterliche Brücke … SCHMERZ! Eine Blase am rechten Fuß ist geblatzt, ich spüre die Feuchtigkeit im Schuh und der lauernde Krampf sieht seine Chance. Nur mit viel Willen kann ich den Krampf wieder vertreiben, er hat mich nicht erwischt.

Plötzlich eine große Brücke mit Labestation, ich habe die Hälfte geschafft, von jetzt an geht’s nur noch bergauf … wenigstens laut dem Höhenprofil. An der Labestation wieder Kräfte getankt und dann höre ich, an der nächste Labestation gibt’s Pasta und Prosecco, ich will da so schnell wie möglich hin. So langsam hole ich sogar wieder Läufer ein. Gut der Prosecco zieht mich magisch an, aber die nächste Labestation liegt auf einem Hügel. Je näher ich komme desto mehr wird der Hügel zum Berg, anstrengend, aber wenigstens bergauf, ich will nie mehr bergab laufen. Das Restaurant kommt näher, noch schnell für den Fotografen gepost und dann Pasta mit Gemüse und Prosecco, das pure Glück.

Weiter geht’s in die Dämmerung, es wird schnell dunkel, aber mit Stirnlampe findet sich der Weg mit den reflektierenden Markierungen fast wie selbst. Der Lauf wird ruhig, Mitläufer sehe ich keine, kann sie aber manchmal hören. Es geht unter einer Autobahn hindurch, dann steil einen Abhang hinauf, über Single Trails, Straßen überqueren, weiter auf Waldwegen. Nach einer Ewigkeit wieder eine Labestation an einer weiteren spektakulären Brücke im Fackelschein. Danach wieder steil bergauf kann ich wieder ein paar Läufer einholen und dann wieder in die dunkle Einsamkeit des Waldes bis zur vorletzten Labestation.

SCHMERZ! Zu meinen Begleitern den Blasen und den Fastkrämpfen gesellt sich ein neuer Kumpan. Ein heftiger Stich in der Fußsohle, kurzzeitig kann ich nicht mehr laufen, habe vielleicht sogar Tränen in den Augen. Mit der Zeit bekomme ich auch den neuen Schmerz ein bisschen unter Kontrolle und kann mich weiterschleppen. In einem Dorf mach ich die Dummheit, die ich niemals machen wollte, ich nehme eine Ibuprofen. Es hilft, aber es ist trotzdem eine blöde Idee.

Irgendwann 20 km vor dem Ziel kann ich Mario einholen und bin froh nicht mehr alleine zu sein. Die einsamen Stunden zehren unbemerkt an der Psyche, aber man bemerkt die Einsamkeit erst, wenn man auf einen Mitläufer trifft. Obwohl wir wegen der Sprachbarriere kaum kommunizieren, schließen wir unausgesprochen den Packt gemeinsam ins Ziel zu laufen. Mario läuft auf den flachen Stücken voraus, ich habe den Luxus einfach nur zu folgen, ohne den Weg zu suchen. An den Anstiegen kann ich dagegen Mario unterstützen, Geben und Nehmen. Unsere beide Stirnlampen geben fast gleichzeitig auf. Die geforderte (aber von mir anfangs arrogant belächelte) Ersatzlampe kommt zum Einsatz. Irgendwann erreichen wir die letzte Labestation innerhalb des Zeitlimits, alle Zweifel verfliegen, wir werden es schaffen.

Das letzte Stück beginnt noch mal mit einem längeren Anstieg, aber das stört mich nicht, nur bergab wäre der Horror, weil mich dann der Krampf übermannen würde. Zäh wie Kaugummi sind die letzten 10 km, aber wir kommen den Ziel immer näher und schließlich kommt das ersehnte Ortsschild Brosso. Schlimm nur, dass sich das Dorf über Kilometer hinzuziehen scheint. Wir müssen noch über ein feuchtes Feld, dann Treppen und wir kommen an ein verlassenes Ziel? Nein, das eigentlich Ziel ist nochmal 300 m entfernt, wir haben es geschafft. Vier Uhr morgens, 20 Stunden für 109 Kilometer und im Ziel ist noch Leben. Die Zeiten werden gestoppt, die Gebrüder Veranstalter umarmen uns. Wir bekommen Bier, eine Ofenkartoffel, Käse, dann noch ein Steak, Würste, Kuchen, es ist das Paradies.

Nach einer Stunde bin ich geduscht, baue mein Lager in der Mehrzweckhalle auf und schlafe. Am nächste morgen gegen acht stehe ich auf, esse Frühstück und dann kommt die Siegerehrung. Die Gebrüder Veranstalter sind heiser, erschöpft, können trotzdem noch viel reden. Plötzlich werden alle Ausländer geehrt, ich stehe mitten unter den Siegern. Selbst die Sieger eiern etwas auf ihren Füßen, aber ich kann kaum noch Laufen. Der weitangereisteste Ausländer ist … was ich? Ich bekomme eine weitere Flasche Wein, ein weiteres T-Shirt , dann wird der Fehler bemerkt, jeder lacht als ein Japaner auf die Bühne kommt. Wir werden einfach gemeinsam gefeiert.

Jetzt noch ab in den Shuttlebus zurück nach Brosso. Die eigentlich geplante Sightseeingtour nach Turin streiche ich und leg mich erstmal im Auto schlafen, bevor ich dann nach Hause fahre. Es war ein toller Lauf, der mir deutlich meine Grenzen gezeigt hat, aber der nächste Ultra ›Ultra Trail Serrea de Tramuntana‹ ist schon längst gebucht!

Was habe ich gelernt?

Erstens Demut, nachdem die ganze Saison recht gut gelaufen ist, hat mich der letzte große Lauf an meine Grenzen gebracht. Die Einsicht, dass es Grenzen gibt, hat mir den ganzen Sommer gefehlt. Ich war so arrogant mich fast unbesiegbar zu fühlen, aber ich bin nur ein Mensch, nur ein Mensch. Zweitens, dass die Salomon Speedcross nicht für lange Läufe auf betonharten Böden geeignet sind. Drittens ich muss vor den nächsten Läufen mehr auf harten Böden laufen, auch wenn ich Asphalt & Beton eigentlich nicht leiden kann.

2 Kommentare zu „Morenic Trail 2012

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..