Der 36. Venedig Marathon war bisher mein schlechtester und gleichzeitig mein allerbester Marathonlauf. Rein läuferisch gesehen, war ich langsam und immer relativ knapp an den offiziellen Cutoffs entlang geschrappt. Mein Gefühl beim Laufen war das totale Gegenteil: Seit Jahren bin ich wieder ein großes Rennen vollständig gelaufen und bin jetzt wieder ein echter Marathon-Läufer. Das alles nach Depressionen, Gewichtszunahme, viel Hadern mit dem Laufen an sich und auch noch einer Pandemie.
Der Venedig Marathon
Im ersten Teil des Laufberichts gibt’s alle wichtigen Informationen zum Venedig Marathon für Läufer. Der zweite Teil ist sehr persönlich und beschreibt, was der Venedig Marathon 2022 für mich selbst bedeutet.
Die Anmeldung
Die Anmeldung zum Marathon ist an sich einfach, aber es gelten die italienischen Regeln für sportliche Wettbewerbe. Für die Teilnahme am „echten“ Wettbewerb (Agonistic Race) müssen die Teilnehmer in Italien ein sportärztliches Laufattest nachweisen. Wer nur „touristisch“ am Venedig Marathon teilnehmen will, muss eine unterschriebene Selbsterklärung zu seinem Gesundheitszustand abgeben, um teilzunehmen.
Tatsächlich ist diese Zwei-Klassen-Gesellschaft Wettbewerb vs. Tourist super, denn ein gültiges ärztliches Laufattest für Italien nachzuweisen kann etwas tricky sein. Bei großen italienischen Wettbewerben gibt es zwar entsprechende Vorlagen, aber bei kleineren Wettbewerben muss man sich um den exakten Attest-Text und die entsprechenden Untersuchungen selbst kümmern und hoffen, dass man keine Fehler dabei macht.
Die Unterkunft
Als Unterkunft in Venedig bietet sich die Insel Guidecca an. Sie ist nur über Vaporettos (Wasserbusse) an Venedig angebunden und deshalb deutlich ruhiger und weniger touristisch, also ideal, um sich auf den Lauf innerlich vorzubereiten. Guidecca bietet alles was man braucht: Restaurants, Bars, Supermarkt und Apotheke. Die Insel liegt sehr zentral und man ist mit dem Vaporetto in knapp 15 Minuten am Tronchetto oder auch in knapp zehn Minuten am Markusplatz, um Venedig selbst anzuschauen.
Unsere Unterkunft habe ich auf Airbnb bei Giovanni gefunden und wir waren mit der ruhigen Lage an einem Kanal direkt um die Ecke bei der Kirche Il Redentore sehr zufrieden.
Die Startnummer
Die Startnummer kann man am Freitag und Samstag vor dem Lauf zwischen 09:00 morgens und 20:00 abends am San Giuliano Park in Mestre auf dem Festland abholen. Von Venedig kann man dabei mit der Tram oder verschiedenen ÖNVP-Bussen von Piazzale Roma fahren und am ersten Halt beim Park aussteigen.
Im Goodie-Bag gibt’s neben dem üblichen Krimskrams auch noch ein echtes Bier und im Ziel gibt’s dann noch einmal echtes bayrisches Bier. Das mit dem Bier klingt ungewöhnlicher als es ist, denn bei italienischen Läufen habe ich auch schon Salami, Pasta, Cola und Prosecco während des Laufs, sowie Tiramisu und Bier im Ziel bekommen.
Der Weg zum Start
Für Läufer, die in Venedig übernachten, gibt es einen Shuttle-Bus zum Start des Venedig Marathons am Tronchetto, nahe am großen Touristen-Parkhaus. Die Busse fahren ab 06:40 bis etwa 07:10 (?) los und sind ganz normale ÖNVP-Busse mit zwar viel Platz, aber nicht ganz so vielen Sitzmöglichkeiten. Um den ersten Bus zu erreichen, fährt man z.B. mit dem Vaporetto Nr. 2 (Wasserbus) von der Haltestelle „San-Marco-San-Zaccaria B“ um 05:55 in einer knappen halben Stunde im Dunklen zum Tronchetto. Da um diese frühe Zeit hauptsächlich Marathonläufer an Bord sind, steigt man an der Station „Tronchetto Car Park“ aus und folgt einfach der Masse zur Marathon-Bushaltestelle.
Der Bus braucht etwa eine knappe Stunde zum Marathonstart an der Villa Pasini. Man hat damit dann etwa knapp zwei Stunden im Startbereich bis zum Start und kann an der Schlossmauer gelehnt noch etwas ruhen.
Die Marathonstrecke
Der Venedig Marathon für Läufer ab 20 Jahren ist flach, aber es müssen einige größere Über- und Unterführungen etwas bergauf und bergab gelaufen werden. Es gibt zwei, drei Engstellen und schließlich in Venedig angekommen muss man die Kanäle mit kleineren Brücken und der großen Ponton-Brücke am Canale Grande überwinden. Für eine persönliche Bestzeit ist der Venedig Marathon eher nicht so geeignet.
Es gibt beim Venedig Marathon drei Cutoffs die für langsam Läufer — wie mich — vielleicht ein Problem darstellen, gefühlt sind die Cutoffs etwas knapper als sonst üblich. Beim Venedig Marathon 2022 wurden die Cutoffs nicht knallhart durchgesetzt (ich hatte das 30-km-Cutoff um 5 min gerissen). Auf der offiziellen Website steht, dass nach den Cutoffs nicht mehr alle Absperrungen bestehen können.
| Halbmarathon | maximal 02:45:00 (d.h. 7:49 min/km) |
| 30 km (San Giuliano Park) | maximal 03:50:00 (d.h. 7:40 min/km) |
| Marathon | maximal 06:00:00 (d.h. 8:32 min/km) |
Der Venedig Marathon startet an der Villa Pisani, einem schönen Schloss mit einem Heckenlabyrinth und vielen kleinen Monumenten im zugehörigen Park. Vor dem Schloss direkt am kleinen Fluss Brenta ist der Startbereich mit fünf hintereinander liegenden Startboxen, welche je nach den bei der Anmeldung angegeben Zielzeiten vergeben werden.
Die ersten knapp 15 km führt die Strecke meist entlang dem sich windenden Fluss Brenta. Der Weg führt an alten Villen vorbei und durch kleinere Städtchen mit anfeuerndem Publikum und Straßenbands. Dieser erste Teil ist sehr schön, flach und macht richtig Spaß.
Nach diesem ersten schönen, eher ländlichen Teil ändert sich der Charakter des Marathons, es wird städtischer. Die Zeitnahme bei der Halbmarathon-Distanz ist in einem hässlicheren industriellen Teil angesiedelt und man muss danach die ersten Überführungen erklimmen. Kurz darauf läuft man dann durch Mestre und es wird wieder etwas netter. Schließlich läuft man auf den San Giuliano Park zu, bei dem man Tage zuvor die Startnummer abgeholt hat.
Nach dem Park folgt der Damm nach Venedig. Dieser Teil wieder mit einer Überführung am Anfang ist solala, aber viel weniger psychisch fordernd als gedacht. Der Weg führt gerade auf der Autospur über mehrere Kilometer durch die Lagune nach Venedig. Rechts und links ist viel Wasser, aber man hat immer das verlockende Ziel Venedig am Horizont vor Augen und genau das macht dieses Stück doch erträglich.
In Venedig angekommen führt der Weg erst durch ein zwei Unterführungen wieder zum Wasser. Erst noch in einem industriell geprägten Stadtteil an Zäunen entlang, aber bald danach am Inselufer entlang und dann auch über die ersten venezianischen Brückchen über die Kanäle. Je weiter man läuft, desto prächtiger und venezianischer wird es. Schließlich läuft man am Ufer auf die weiß strahlende Kirche Santa Maria della Salute zu, biegt scharf ums Eck (mit Rettungsboot im Wasser, um erschöpfte Läufer zu retten) und kommt auf die nur für den Marathon aufgebaute Ponton-Brücke über den Canale Grande. Anschließend führt der Weg in einer Schleife über den Markusplatz, der bei Hochwasser (Aqua Alta) etwas überschwemmt sein kann. Schließlich dann noch über sieben Brücken ins Ziel nahe der Via Garibaldi.
Der Zielbereich ist nur für Läufer zugänglich, aber kurz vor dem Ziel an der Via Garibaldi können Familie und Freunde ein Fast-Zielfoto schießen. Andere Fotospots sind der Markusplatz und die Kirche Santa Maria della Salute. Hinter dem Zielbereich führt ein Weg zur Via Garibaldi, von dort kann man dann stolz wieder zurück zu den Vaporetto-Stationen oder in Richtung Markusplatz gehen oder notfalls humpeln.
Das Fazit
Der Venedig Marathon ist sicher nicht der schnellste, aber wunderschön und mit Aqua Alta am Markusplatz total spektakulär. Er bietet sich für einen Kurztrip nach Norditalien mit viel Sightseeing an. Gleichzeitig zum Venedig Marathon 2022 fand auch die Biennale di Venezia statt, die uns ziemlich beeindruckt hat.
Mein persönlicher Venedig Marathon
Hier beginnt der persönliche Teil meines Laufberichts, ohne relevante Informationen für andere Läufer, aber eben wichtig für mich selbst, um das Erlebnis Venedig Marathon zu verarbeiten
The Struggle is real
„Wenn ich wieder ein echter Läufer bin, erst dann ist meine Welt wieder wie früher in Ordnung!“ Seit meiner Depression hängt dieser toxische Gedanke mal mehr, mal weniger fest in meinem Kopf. Immer wieder war das Wieder-Mit-Freude-Laufen-Können, mein gefühltes Maß für meine psychische Gesundheit. Mit Freude und Motivation zu laufen ist im verklärten „Früher“ immer einfach gewesen. Dann plötzlich „Danach“ (während und nach der Depression) war das Laufen schwer und unbefriedigend. Ich kann mich noch erinnern, dass die Frage „Warum läufst Du?“ in einem Laufmotivationsbuch mich in eine wochenlange und tiefe Krise gestürzt hat.
Heute nach einigen Jahren kann ich den Echter-Läufer-Gedanken besser fassen und kontrollieren. Anfang dieses Jahres habe ich drei Schritte auf dem Weg zu einer gesünderen Einstellung zum Laufen gemacht:
- Run-for-Nepal-Challenge
- Slow Jogging
- Schöne Läufe finden
Run-for-Nepal-Challenge — Zwischen den Jahren 2021/2022 habe ich mit meiner Frau an der Run for Nepal Challenge teilgenommen und zum ersten Mal seit langer Zeit eine etwas gleichmäßigere, dauerhaftere Laufroutine entwickelt. Bei Run-for-Nepal sind insgesamt 5300 Euro für ein Straßenkinderheim in Katmandu zusammengekommen und auch noch zwei hübsche kleine Holzmedaillen für uns. Ganz ehrlich war die entwickelte Laufroutine bei Run-for-Nepal bei mir nicht wirklich nachhaltig, aber es zeigte mir, dass ich tatsächlich wieder Laufen gehen konnte.
Slow Jogging — Slow Jogging ist ein japanischer Laufstil bei dem man viele schnelle kleine Schritte auf den Mittelfuß trippelt (45 Schritte in 15 Sekunden) und eher aufrecht läuft. Der Vorteil für mich beim Slow Jogging war, dass ich meinen Laufstil deutlich anpassen musste. Mein altes Laufkörpergedächnis versucht immer mich wie früher mit eine Pace von 6 min/km (altes Wohlfühltempo) zum Laufen zu bringen. Mein Körper konnte das zwar kurzzeitig, aber die mangelnde Kondition machte sich schnell frustrierend bemerkbar und ich war von mir selbst enttäuscht. Durch die Konzentration auf die vielen kurzen und schnellen Schritte beim Slow Jogging konnte ich mein altes Laufkörpergedächnis überlisten und kam nicht mehr so schnell außer Atem und war weniger enttäuscht, weil der Vergleich zu „früher“ weggefallen war. Das klingt jetzt alles ziemlich radikal, aber eigentlich sind mein alter „Trail Running“-Laufstil und Slow Jogging gar nicht so weit voneinander entfernt. Ich war schon immer ein Gleiter mit relativ kurzen Mittelfuß-Schritten, bevorzuge eher Zero-Drop-Schuhe und habe eine aufrechter Haltung. Ist einfach besser für’s Gleichgewicht auf wurzeligen Waldtrails oder raueren Bergpfaden. Die Laufstilumstellung war also eher eine Kopfsache, aber erstaunlich wirkungsvoll. Mein heutiger Laufstil ist wohl ein Mix aus alt und neu.

Schöne Läufe finden – Im Januar 2022 hat mich eine Kollegin gefragt, ob ich mit ihr zusammen den „Megamarsch 50/12“ auf Mallorca laufen könnte. Kurz nach der Run-for-Nepal-Challenge war ich Feuer und Flamme und hab‘ mich fix zum Megamarsch angemeldet. Aber damit hat es nicht aufgehört, ich hatte mich gleich noch für den Allgäu Panorama Marathon angemeldet und in den Venedig Marathon 2022 wegen der Ponton-Brücke verknallt. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich wieder Laufpläne geschmiedet und das war toll. Den Megamarsch bin ich schlussendlich alleine gelaufen, weil meine Kollegin kurzfristig absagen musste. Für den Allgäu Panorama Marathon (Ultradistanz 73 km) war ich tatsächlich nicht fit genug und musste absagen. Der Venedig Marathon ist damit der erste wirkliche Wettbewerb seit Jahren.
Meine Marathonvorbereitung
Meine Marathonvorbereitung ist alles andere als empfehlenswert, bitte nicht nachmachen, bitte bitte wirklich nicht nachmachen! Meine Marathonvorbereitung bestand in Trainingsplan-Recherche, gekauften Laufgadgets (Whoop-Armband und Stryd-Footpod) mit den entsprechenden teuren Abos, einer gescheiterten Bewerbung zum Sporthaus-Schuster-Läufer, HRV-Apps, neuen Schuhen, sowie der Suche nach hübschen Laufklamotten, Lesen zu Recovery-Gadgets und einem Marathon-Laufrucksack. Am liebsten hätte ich noch eine Action-Cam oder sogar Drohne für den Marathon gekauft, aber irgendwann kickt sogar bei mir die Vernunft.
Was aber tatsächlich zu kurz gekommen ist, war das eigentliche Lauftraining. Ein paar kleinere Läufe in Augsburg und München, aber die Long Jogs im zweiten Halbjahr 2022 für den Venedig Marathon kann man an einer Hand abzählen, richtig an einer einzigen Hand:
- 03. August: Jäger- und Hubertussteig (ca. 15 km)
- 25. August: Przewalski-Pferde (ca. 20 km)
- 09. September: Fuggerschloss (18 km)
- 03. Oktober: Starnberg (ca. 30 km)
- 08. Oktober: Starnberg (ca. 30 km)
Glücklicherweise und auch rätselhaft habe ich wohl im ersten Halbjahr 2022 eine gewisse Grundform aufgebaut. Die Analyse des letzten Long Jogs nach Starnberg zeigte, dass mit viel Glück, etwas Schönrechen und hoffentlich viel Marathon-Adrenalin die Cutoffs beim Venedig Marathon nicht vollkommen illusorisch wären. Der Vorteil dieser Analyse war die Zielsetzung für den Venedig Marathon: Teilnehmen und möglichst Durchkommen, falls ich mich irgendwie durch die Cutoffs durchmogeln kann.
Verletzungspech
Schlecht vorbereitet und dann kommt auch noch Pech dazu. Direkt vor dem Venedig Marathon waren wir in den heißen Quellen von Saturnia. Die Sinterterrassen von Saturnia sind nicht besonders tief und mit milchigen blauliche Wasser gefüllt. An sich wunderschön, wenn man nicht im milchigen Wasser an einem unsichtbaren Stein hängen bleibt. Ich habe mir dabei den linken großen Zehennagel heftig gestaucht, das vordere Nagelbett verletzt und dann auch noch einen blau angelaufenen Zeigezeh davongetragen, ach ja und ein paar Schürfwunden. Ich habe echt ecklige Fotos davon, muss ich aber nicht zeigen, die Vorstellung reicht. Nach etwas erster Hilfe durch meine Frau, viel Desinfektionsspray, Rumfeilen an den gecrashten Zehennägel und Arnikasalbe kann ich doch wieder gehen und das ganze einfach ignorieren. Erst bin ich überzeugt, dem ganzen mit einfachen Ignorieren zu begegnen, aber dann merkt meine Frau, dass ich doch humple … und das, obwohl mich angestrengt, eben nicht zu humpeln.
Glücklicherweise wurde es dann doch mit Arnika und Fußpflege jeden Tag besser. Am Marathontag habe ich den großen Zeh bandagiert und nur der Zeigezeh macht mit sehr leichten dumpfen Schmerzen auf sich aufmerksam.

Wie sich mein Venedig Marathon wirklich angefühlt hat
Ein Marathon wird im Nachhinein oft „schön“ verklärt, das gilt auch für meinen Venedig Marathon. Ich werde mich in Jahren nur noch an das schöne Schloss am Start und die sich durch die liebliche oberitalienische Landschaft ziehenden ersten 15 km erinnern. Während des Laufs war dieser Marathonanfang eher schrecklich. Ich war etwas zu schnell gestartet und brauchte die ersten fünf Kilometer, um meine Atmung durch langsameres Laufen einigermaßen wieder einzufangen. Während dieser Zeit ziehen viele Läufer an mir vorbei, ist nicht weiter schlimm, aber als die ersten Ballon-Pacer mit der Zielzeit 5:00 gefühlt viel zu früh an mir vorbeiziehen bin ich doch geschockt.
Mich nerven ein Haufen quitschgelb gekleidete Party-Läufer, die ein paar Rollstuhlfahrer schieben. Sie laufen schnell, beschallen alle mit superlauter schrecklicher Partymusik und lärmen mit Trillerpfeifen und Rasseln. Das Allerschlimmste, die Gelben laufen schnell machen Lärm und bleiben dann einfach stehen. Ich ziehe vorbei, aber zehn Minuten später haben sie mich wieder lärmend überholt. Ich mache jedes Mal eine Gehpause, damit sie schneller vorbeiziehen. Das wiederholt sich gefühlt in einer Dauerschleife und ich bin echt verärgert. Vorteil ich bin so in meinem Ärger über die Gelben und die dröhnend lauten Straßenbands im Hyperfokus, dass die ersten 15 km irgendwie doch schnell geschafft sind.
Irgendwann überholen mich schon wieder die „5:00“-Pacer und langsam versteh ich das System. Anscheinend haben die fünf verschiedenen Startboxen jeweils eigene Pacer und mich haben nur die Pacer der vor mir gestarteten Startboxen eingeholt. Der Lauf führt durch ein industrielles Stadtgebiet und plötzlich ist die Halbmarathondistanz ohne Cutoff-Problem geschafft. Ganz langsam macht sich der Gedanke breit, dass ich es bis ins Ziel schaffen kann.
Jetzt beginne ich – wie geplant – ein Hörbuch zur Ablenkung zu hören. Die blöden Gelben kommen schon wieder von hinten, scheinen aber etwas erschöpft und machen weniger Lärm und – eeecht jetzt? – ein paar wenige fahren jetzt auf Fahrrädern!?!
Ich laufe durch Mestre und es wird maritim. Man kann das Meer riechen, einige hochragende Schlote der Raffinerien erahnen. Die Über- und Unterführungen gehe ich. Ab und zu überhole ich Läufer, werde aber selbst nicht oft überlaufen.
Plötzlich kann ich den San Giuliano Park erkennen und hoffe, dass ich das knappste der drei Cutoffs schaffen kann, gefühlt knapp, aber machbar. Der Weg windet sich, ich laufe am Marathon-Expo-Gelände vorbei. Nirgendwo irgendwelche Anzeichen, dass man sich auf ein Abbruch für die langsamen Läufer vorbereitet. Kurz vor dem Ende des Parks kommt die 30-km-Zeitnahme und ich kann – trotz um fünf Minuten gerissenen Cutoff – weiterlaufen, kein Offizieller nimmt mich aus dem Rennen. Ein großer Stein fällt mir vom Herzen, ich werde den Venedig Marathon über die temporäre Ponton-Brücke über den Canale Grande (den eigentlichen Grund für die Wahl des Venedig Marathons) ins Ziel laufen!
Der Damm von Mestre nach Venedig war in meiner Vorstellung schrecklich: Ein langes nicht endendes Stück Weg, sowas mag ich gar nicht, weil mein Gehirn immer Beschäftigung braucht und bei langweiligen Laufstücken schnell auf die dümmsten Gedanken kommt. Aber der Damm ist in Wirklichkeit nicht schlimm, denn er erlaubt immer den Blick auf das ersehnte Ziel am Horizont.
Dann geht es nach Venedig hinein, erst noch durch den Hafen, aber bald auf einen schmaleren Uferweg, der ganz langsam breiter und prächtiger wird. Die große weiße Kirche Santa Maria della Salute taucht auf und dann über die Ponton-Brücke in Richtung Markusplatz.
Am Markusplatz wartet meine Frau und macht Videos. Ich freu‘ mich, sie freut sich, wir freuen uns … es ist geschafft. Noch ein paar Brücken, etwas Posing für die Fotografen und ich bin im Ziel.
Das Ergebnis

Nach dem Venedig Marathon
In alter Tradition holt mich meine Frau nach dem Lauf mit Bier, Gebäck, Einhorn und gelber Katze ab. Ich habe es geschafft! Ich kann noch einen Marathon laufen! Wir sind glücklich und gehen zu „unserem Palast“ in der Nähe des Markusplatz. Ich schlafe etwas, dann machen wir uns hübsch und gehen edel essen. Mein Gehirn ist etwas im Stand-By, keine störenden Gedanken.

Ein paar Tage später muss ich mich kurz mit den alten Laufdämonen etwas auseinandersetzen. Gedanken wie „Du bist erstaunlich fit nach dem Lauf, da wäre doch mehr gegangen!“ kommen, aber sie gehen auch wieder schnell.
Auch der Gedanke „Wenn ich wieder ein echter Läufer bin, erst dann ist meine Welt wie früher wieder in Ordnung!“ kommt kurz zu Besuch. Nur der Gedanke ist falsch! Ich bin – ohne jeden Zweifel – noch immer Marathon-Läufer, aber das „wie früher“ brauche ich gar nicht mehr. Ich habe mich in den letzten Jahren verändert und das „neue Jetzt“ ist schön. Ich habe noch immer einige große psychische Baustellen, aber das Maß „Echter-Läufer-sein“ hat nicht mehr ganz soviel Bedeutung.
Ich hoffe wieder etwas fitter zu werden, damit mich normale Cutoffs nicht von schönen Läufen abhalten. Irgendwo in meinem Kopf hat sich schon die Idee des Khmer Empire Marathon in Angkor Wat für die nächsten Jahre eingenistet, mal schau’n.
