Bald leben wir in der Neo-Steinzeit, jedenfalls wenn man den aktuellen Zeitgeist deuten kann. Alle Zeichen stehen aktuell auf Paläo! Was soll der Paläo-Hype? Und vor allem, muss ich ihn mitmachen? Kurz & knackig und ganz eindeutig: Jein!

In den letzten Tagen, Wochen und Monaten lese ich immer wieder das Gejammere, dass es den Steinzeitmenschen viel besser ging, als uns heute. Wir müssen nur etwas Paläo in unseren Alltag einbinden und schon haben wir besseren Sex, laufen viel schneller, leben gesünder und folglich viel viel länger. Der Zeitgeist steht eindeutig auf Paläo.
Der Paläo-Zeitgeist
Überall wird die Jäger- und Sammlergesellschaft, als einzig glücklich machende Lebensweise verklärt:
(1) In der Zeit „Monogamie – Die große Lüge“, steht 2012, dass die romantische idealisierte Treue unsere heutigen Beziehungen zerstört. In der Steinzeit sei die Treue noch nicht so wichtig gewesen. Die Paläomenschen haben gleichberechtigt alles geteilt, Aufgaben, Essen, Sex … das Paradies auf Erden.
(2) Spiegel Online beklagt 2014, dass die modernen Menschen beim Übergang von der Jäger- und Sammlergesellschaft zu den Ackerbauern ein Viertel ihrer Knochenmasse eingebüßt haben und wir heute nur noch jämmerliche Frekerle sind.
(3) Die Paläo-Diät mit viel Fleich, noch mehr Früchten/Nüssen und zwei bis drei Hungertagen pro Woche verspricht dem Großstadt-Hipster viele Zusatzjahre an Lebenszeit. Natürlich nur, wenn er sich im Großstadtdschungel auch ausreichend mit CrossFit bewegt.
(3) Jeder einigermaßen moderne Jogger besitzt – nachdem er „Born to Run“ gelesen hat – gleich mehrere teure Barfußschuhe, um seine zivilatorisch total degenerierten Fußmuskeln wieder zu stärken und viel schneller zu laufen.
Die Paläo-Argumentation
Obwohl es um so verschiedene Themen, wie Sex, Knochenbau, gesunde Ernährung und Laufen geht, ist die Argumentation immer absolut die selbe: Der Mensch hat etwa zwei Million Jahre gebraucht, um sich vom Affen Australopithecus zum modernen Menschen vor etwa 200000 Jahren zu entwickeln, aufrechter Gang, größeres Hirn und so. Erst seit etwa 7000 Jahren gibt es den Ackerbau, im Grunde leben wir erst seit 3,5% der menschlichen Zeit unseren heutigen modernen Lebensstil. Fazit: Der moderne Lebensstil gehört (noch) nicht zu unserer eigentlichen Entwicklungstufe, wir müssen wieder in Teilen so leben wie die Neandertaler und alles wird gut, natürlich nur gleichzeitig mit Facebook, Strava, Blogs, Penicilin, Alkohol, Gore Tex und Flugreisen 😉
Die Paläo-Beziehung
Im Zeit-Artikel – bezogen auf das Buch Dawn of Sex – steht, dass wir Neandertalergene in uns tragen, es muss also Sex zwischen verschiedenen Spezies gegeben haben und die Kinder wurden in liebenden Gemeinschaften groß gezogen. Die Paläomenschen müssen folglich berauschenden Jagderfolg, gesammelte süßeste Früchte und erfüllenden Sex unter ihresgleichen und andergleichen (Neandertalern) geteilt haben. Diese Argumentation ist aber sehr sehr weit hergeholt, liebe Zeit-Autoren.
Weniger weit hergeholt, steht glücklicherweise im gleichen Artikel, dass unsere heutiges Bezeihungsideal aus der Romantik von vor etwa 200 Jahren stammt.
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Damals begannen wir unsere Individualität zu entdecken, man heiratet nicht mehr als Zweckgemeinschaft, sondern wählte selbst seinen Partner, natürlich nur aus Liebe. So war das romantische Ideal, tatsächlich wurde es damals nie so richtig gelebt, erst heute. In Filmen und Büchern wird uns das Ideal der romatischen Treue dauernd vorgelebt. Die Realität mit hohen Scheidungsraten wegen Untreue sagt etwas anderes. Aber auch viele monogame Beziehungen halten ein Leben lang. Es ist einfach falsch zu sagen die romantische Treue tötet Beziehung, genauso falsch ist es, dass Monogamie als einzig glücklich machend zu idealisieren.
Einfache Lösungen gibt es leider nicht, man muss oft um seine Beziehung kämpfen und häufig auch einsehen, dass sie zerbrechen. Wir können es uns heute – reich wie wir sind – einfach leisten, dass eine Beziehung scheitert und müssen lernen mit dieser Nebenwirkung unseres Reichtums umzugehen.
Die Paläo-Diät
Die Paläo-Diät ist totaler Quatsch! Männliche Macho-Hipster stehen auf Paläo: Aus Gesundheitsgründen nur Fleisch essen, ist viel toller als diese verweichlichten Ethikveganer, die beim CrossFit nicht einen WOD (Workout of the Day) durchhalten.
Paläo-Diät bedeutet den Verzicht auf Mehl, Zucker, Milch und eigentlich auch Öl. Ganz dogmatische Paläofanatiker verzichten auch auf Oliven und hungern die Hälfte der Woche um das fehlende Jagdglück der Neandertaler nach zu erleben. Erlaubt sind Nüsse und Knollen, was dazu führt das viele Paläo-Rezepte Kokosnüsse und Maniok verwenden. Der ökologische Fußabdruck der eingeflogenen Lebensmittel ist katastrophal, mal abgesehen, dass kein eiszeitlicher Neandertaler je eine Kokosnuss gekostet hätte.

So genug des Paläo-Diät-Shitstorms, denn ich selbst habe natürlich mehrere tolle Paläo-Kochbücher, darin finden sich leckere Rezept und selbst der Veganer (die Paläo-Antithese) findet Anregungen aus der steinzeitlichen Nuss/Knollen/Früchteküche.
Das Paläo-Barfußlaufen
Yepp, auch ich habe Born to Run verschlungen! Cristopher McDougall beschreibt spannend ein mehr oder weniger wahres Lauf-Märchen, wie der immer verletzte Autor mit Natural Running wieder zum Laufen gefunden hat. Natural Running ist Barfußlaufen, Barfußlaufen wie die Steinzeitmenschen und Australopitheci in der afrikanischen Savanne.
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Da wir heute Barfuslaufen nicht mehr gewöhnt sind, dürfen wir als Fast-Paläo-Läufer auch dünne flexible Sohlen tragen.
Die Barfußfanatiker sagen, dass Nike in den 70er Jahren mit gut gedämpften Schuhen und viel Sprengung, das ultimativ Böse auf die Läuferwelt losgelassen hat. Seitdem stampfen alle Läufer mit der Ferse voran auf den Boden und ruinieren sich damit die Knie und lassen gleichzeitig ihre Fußmuskulatur kläglich verkümmern. Die Barfuß-Jedi verteidigen die Läufer vor der dunklen Seite der Macht (Laufschuhindustrie) mit dem Vor- und Mittelfußlauf in ungedämpften, flexiblen, flachen und breiten Barfuß-Laufschuhen. Aber der Weg zur hellen Seite ist beschwerlich, man darf anfangs nicht mehr als 100 m in Barfußschuhen laufen und muss in Vibram Fivefingers den Spott aller Nichtbekehrten auf sich nehmen … sieht auch wirklich hundsdämlich aus 😉
Ob das Allheilmittel der Barfußfanatiker wirklich funktioniert? Seit dem Laufboom in den 70er Jahren ist die Zahl der Läufer explodiert, die meisten davon laufen in modernen (Anti-Paläo-)Laufschuhen und haben keine Probleme damit. Der Umstieg von normalen Laufschuhen auf Barfußschuhe ist dagegen langwierig und kompliziert. Macht man es falsch, hat man mit Barfußschuhen nach kurzer Zeit Sehnen- und Muskelprobleme. Barfußlaufen kann Probleme schaffen und kann Probleme lösen.
Tatsächlich finde ich Barfußschuhe toll: Man kräftigt wirklich die Muskeln und Sehnen der Füße, der Laufstil ändert sich fast automatisch zu kurzen schnellen sehr ergonomischen Mittelfuß-Schritten und man kann den Boden besser fühlen. Beim Trail Running bringt das Barfußlaufen wirklich Vorteile. Wenn man die Barfußschuhe auch in den Alltag integriert, dann fällt der Umstieg auch nicht so schwer. Bei langen Läufen (Ultras) auf schwierigem Untergrund vertraue ich immer noch auf besser „gepanzerte“ Schuhe mit gutem Profil und fester Sohle.
Und jetzt?
Ja, der Paläo-Hype nervt mich gewaltig, alles wird aus der Steinzeitsicht erklärt und verklärt. Fakt ist, dass wir heute leben und nicht vor 10000 Jahren. Wir leben ganz anders als die Menschen früherer Zeiten und müssen heute deshalb auch ganz andere Wege finden. Für vernünftige Beziehungen, bewußte Ernährung und gesunde Bewegung muss man nicht in die Steinzeit schauen um gute Anregen zu finden, einfaches Nachdenken und Hinterfragen im Heute reicht vollkommen aus.
