Gefühlt bricht gerade die Corona-Virus-Zombie-Apokalypse aus, erste Corona Infektionen sind jetzt auch Landkreis Augsburg erkannt worden. Tatsächlich ist mir — wie vielen anderen auch — etwas mulmig. Um mich etwas zu beruhigen, versuche ich das Risiko abzuschätzen und einzuordnen. Vielleicht hilft es mir ja 😉
Datengrundlage
Um ein Risiko abzuschätzen, braucht man erst einmal eine zuverlässige Datengrundlage … tja und hier fangen die Probleme schon an, wo bekomme ich überhaupt zuverlässige Daten zu COVID-19 und warum glaube ich, dass die Daten auch wirklich zuverlässig sind. Nach einigem Suchen bin ich auf die Daten von Südkorea gestoßen und habe diese gewählt:
- In Südkorea ist weltweit der zweitgrößter COVID-19-Ausbruch aufgetreten. Rein statistisch werden Schätzungen zuverlässiger, je mehr Daten vorliegen und traurigerweise gibt es in Südkorea viele erkrankte Menschen.
- In Südkorea werden vergleichsweise viele Test auf SARS-CoV-2 durchgeführt, veröffentlicht und sind recht einfach zugänglich.
- Südkorea hat ein gutes Gesundheitssystem.
Vielleicht habe ich die südkoreanischen Daten auch deshalb gewählt, weil sie eine deutlich niedrigere Sterblichkeit zeigen, als die Statistiken anderer Nationen … irgendwie muss ich meine COVID-19-Sterbewahrscheinlichkeit auch schönrechnen dürfen/können 😉
Daten
In der folgenden Tabelle sind die reinen Fallzahlen in Südkorea vom 4. März 2020 aufgelistet. Es zeigt sich, dass die meisten Erkrankten in Südkorea in ihren Zwanzigern sind, aber nicht an COVID-19 sterben. Die Sterblichkeit steigt bei älteren Erkrankten deutlich an:
| Südkorea (04.03.2020) | Infiziert | Gestorbene | Sterblichkeit |
|---|---|---|---|
| Alle | 5328 | 32 | 0,60% |
| 0-9 Jahre | 34 | 0 | 0,00% |
| 10-19 Jahre | 233 | 0 | 0,00% |
| 20-29 Jahre | 1575 | 0 | 0,00% |
| 30-39 Jahre | 631 | 1 | 0,16% |
| 40-49 Jahre | 790 | 1 | 0,13% |
| 50-59 Jahre | 1051 | 5 | 0,48% |
| 60-69 Jahre | 646 | 7 | 1,08% |
| 70-79 Jahre | 260 | 12 | 4,62% |
| über 80 Jahre | 108 | 6 | 5,56% |
In der folgenden Tabelle sind die in Südkorea durchgeführten Test auf SARS-CoV-2 vom 4. März 2020 aufgelistet:
| Südkorea (04.03.2020) | Alle Tests | Testergebnis positiv (infiziert) | Testergebnis ausstehend | Testergebnis negativ (gesund) |
| 4. März 2020 | 136707 | 5328 | 28414 | 102965 |
Sterblichkeit
Aus der Tabelle 2 mit den Testergebnissen kann man den Anteil von Erkrankten an allen auf SARS-CoV-2 getesteten Patienten mit verfügbaren Ergebnis (pos./neg.) berechnen. Diese Rechnung wäre in der grauen Theorie die Infektionsrate. Allerdings ist diese Rechnung wahrscheinlich nicht ganz richtig, weil einige Patienten wahrscheinlich mehrfach getestet werden (man unterschätzt). Zudem könnte ich mir vorstellen, dass trotz der hohen Testanzahl nur „verdächtige“ Patienten getestet werden (man überschätzte). Vielleicht fallen auch Patienten durch das Raster (man unterschätzt). Trotzdem gibt diese Rechnung eine grobe Schätzung der Infektionsrate der getesteten Patienten:
Infektionsrate = Erkrankte / ( Alle Tests mit Ergebnis )
Mit dieser Rechnung kommt man am Mittwoch, den 4. März 2020 auf eine Infektionsrate von:
Infektionsrate = 5%
Wenn man jetzt noch in Tabelle 1 die Sterblichkeit für sein eigenes Alter (bei mir 48) heraussucht:
Sterblichkeit = 0,13%
Dann kann man seine eigene Wahrscheinlichkeit an COVID-19 zu sterben berechnen, wenn man denn ein Südkoreaner wäre oder in einer ähnliche Epidemie-Situation. Man multipliziert dabei einfach die Infektionsrate von 5% mit der Sterblichkeit 0,13%:
Persönliche Sterbewahrscheinlichkeit = 0,0065%
Blöd, dass man für diese kleine Zahl so überhaupt kein Gefühl hat, deshalb muss man die errechnete persönliche Sterbewahrscheinlichkeit am besten mit „bekannten“ Wahrscheinlichkeiten vergleichen.
Vergleich mit einem Lotto Gewinn
Die meisten von uns haben sicher schon einmal Lotto gespielt und von dem großen Gewinn geträumt, im Geist schon das Geld für schöne Sachen oder Reisen ausgegeben, obwohl die Gewinnwahrscheinlichkeiten gering sind.
| Lotto Gewinnklasse | Wahrscheinlichkeit | Theoretische Quote |
|---|---|---|
| 6 Richtige mit SuperZahl | 0,00000072% | 8949640€ |
| 6 Richtige ohne SuperZahl | 0,0000064% | 574600€ |
| 5 Richtige mit SuperZahl | 0,00018% | 10020€ |
| 5 Richtige ohne SuperZahl | 0,0017% | 3340€ |
| 4 Richtige mit SuperZahl | 0,0097% | 190€ |
| 4 Richtige ohne SuperZahl | 0,087% | 40€ |
| 3 Richtige mit SuperZahl | 0,180% | 20€ |
| 3 Richtige ohne SuperZahl | 1,560% | 10€ |
Doof in der Lottotabelle kann man die Wahrscheinlichkeit von 0,0065% gar nicht finden. Aber mit so ein bisschen Statistik kann dann doch auf einen Vergleichswert kommen, indem man berechnet wie wahrscheinlich ein Gewinn — z.B. 5 Richtige ohne Superzahl — ist, wenn man mehrmals spielt, also mehrere Kästchen auf dem Lottoschein ausfüllt (macht man das eigentlich noch?).
Würde man vier Lottokästchen ausfüllen, dann besteht eine 0,0068% Chance 5 Richtige ohne Zusatzzahl zu tippen und grob 3500€ zu gewinnen.
Gefährliche Berufe
Manche Berufe scheinen sehr gefährlich zu sein, spontan denkt man an Polizisten und Feuerwehrleute. Tatsächlich sind es sogar eher andere Berufsgruppen, die täglich dem Tod ins Auge schauen:
| Ranking | Berufe (US 2017) | Tödl. Unfall / Jahr | Verdienst |
|---|---|---|---|
| 1 | Fischer | 0,1000% | 28.310 $ |
| 2 | Waldarbeiter | 0,0873% | 38.840 $ |
| 3 | Berufspiloten | 0,0513% | 111.930 $ |
| 7 | Trucker | 0,0269% | 37.610 $ |
| 15 | (Landschafts-)Gärtner | 0,0159% | 28.110 $ |
| 18 | Polizisten | 0,0129% | 61.050 $ |
| 22 | Berufssportler | 0,0095% | 32.200 $ |
| 25 | Elektriker | 0,0084% | 54.110 $ |
Wow, einige eher schlechter bezahlte Berufsgruppen haben doch recht hohe Risiken. In der Tabelle sind nur die Todesrisiken dargestellt, aber schwere Verletzungen sind dabei oft noch viel wahrscheinlicher. Laut dieser US-Statistik ist ein Berufsjahr als Elektriker gefährlicher als für einen Millenial im März 2020 in Südkorea an COVID-19 zu sterben.
Tödliche Verkehrsunfälle
Jeder kennt irgendeine Person — oft über sehr sehr viele Ecken –, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Aber wie hoch ist diese Gefahr?
| Land | Tödl. unfall / Jahr | Opfer |
|---|---|---|
| Dom. Rep. | 0,0337% | 3684 |
| Indien | 0,0226% | 299 091 |
| Türkei | 0,0123% | 9782 |
| Südkorea | 0,0098% | 4990 |
| Deutschland | 0,0041% | 3327 |
| Schweiz | 0,0027% | 223 |
Nach dieser Statistik ist das jährliche Risiko eines tödlichen Verkehrsunfall in Deutschland geringer, als als Millenial im März 2020 in Südkorea an COVID-19 zu sterben. Das jährliche Risiko eines tödlichen Verkehrsunfall eines Südkoreaners ist dagegen höher als Millenial im März 2020 in Südkorea an COVID-19 zu sterben.
Sport
Sport ist gesund, aber Sportler gehen oft auch Risiken ein und manche sterben dabei: (1) Bergswanderer stürzen ab, (2) Marathonläufer riskieren einen Herzinfarkt oder Hitzschlag, (3) Surfer können von Haien gebissen werden, (4) Skitourengänger werden von Lawinen verschüttet, (5) Bergläufer können Opfer des Wetters werden und erfrieren oder vom Blitz getroffen werden …
| Sport | Tödl. Vorfall | Bezogen auf |
|---|---|---|
| Marathon Veranstaltung | 0,0006% bis 0,0019% | pro Veranstaltung |
| Bergtour | 0,002% | pro Saison (Österreich) |
| Skitour | tbd | tbd |
| Zugspitz Extremberglauf 2008 | 0,3% | 2 Tote bei 600 Teilnehmer |
| Fallschirmspringen | 0,6% | pro 1000 Sprünge |
| Surfer (Ballina, AUS) | 1% | 180 Vielsurfer von Ballina |
Die Chance in Südkorea am 3. März 2020 an COVID-19 als Angehöriger der Gen X zu sterben ist etwa genauso groß, wie an 4 bis 10 Marathonveranstaltungen teilzunehmen. Marathon laufen ist auch gefährlich!
Der Zugspitz Extremberglauf 2008 ist eine Ausnahme, typischerweise sind Bergläufe nicht gefährlich. Aber die Möglichkeit eines Wetterumschwungs wurde vom Veranstalter und Läufern total unterschätzt. In Folge starben zwei nur mit Marathonleibchen bekleidete Teilnehmer in der Kälte.
Fazit
Im Moment dämpft meine rationale Einschätzung etwas mein Coranavirus-Unwohlsein. Ich versuche häufig meine Hände zu waschen, meide etwas Menschenmengen, habe meine Vorratskammer gecheckt (genug da) und versuche Nachrichten und soziale Medien etwas weniger zu lesen.

P.S.: Bei einer Bevölkerungsinfektionsrate von 70% (SARS-CoV-2 findet nicht mehr genug Opfer am urplötzlich aufgetretenen hypothetischen Höhepunkt der Pandemie im Frühling 2020) und einer Sterblichkeit von 6% (Wuhan Schätzung vom 04.02.2020) wäre die Sterblichkeit 4% mit etwa 3,5 Millionen Opfern in Deutschland bzw. sechs Deiner etwa 150 Facebook-Freunde … Tja, so kann man natürlich auch rechnen, wenn man denn in Panik verfallen bzw. verbreiten will. Das Problem dabei: „Das ist nicht nur nicht richtig, es ist nicht einmal falsch!“ — Wolfgang Pauli. Die Grundannahmen sind bei der oberen Rechnung so gewählt, dass sie in einer hypothetisch möglichen Situation den schlimmst möglichen Fall schätzen.
