Therapeut – Wie fühlen Sie sich heute?
Ich – Ja, ähh … nicht so gut.
Therapeut – „Nicht-so-gut-Fühlen“ ist kein richtiges Gefühl, damit kann ich nichts anfangen.
Ich (denke) – Verdammt!
Ich – Ja, okay, stimmt, verstehe ich.
Therapeut – Wie fühlen Sie sich genau?
Ich – Also ich fühle … ähhhm ja, ich fühle … eigentlich weiß ich nicht, was ich fühle … vielleicht … Hrmmpfff …
So läuft bisher jeder Anfang meiner ambulanten Psychotherapie … Mist aber auch.

Aber ich bin einen Schritt weiter, vor kurzen war ich noch total ratlos und konnte die Gefühlsfrage überhaupt nicht beantworten. Dann habe ich von Nora Fieling einen Blogbeitrag gelesen und mich in „Nein ich weiß nicht, wie es mir heute geht.“ wiedergefunden. Ich kann die Gefühlsfrage wahrscheinlich noch immer nicht beantworten, aber ich habe jetzt eine Theorie, warum mir die Antwort so schwer fällt:
Ich bin gefühlsfarbenblind! Bzw. ich habe eine Gefühlsfarben-Sehschwäche.
Menschen mit einer Farb-Sehschwäche (wie auch ich selbst mit meiner Rot-Grün-Sehschwäche) können Farben schlechter unterscheiden, was aber nicht heißt, dass sie nur „schwarz-weiß“ oder nur „grau“ sehen. Ich bemerke meine Rot-Grün-Schwäche im Alltag so gut wie nicht. Bei einem Farbsehtest (Ishihara-Farbtafeln) habe ich allerdings Schwierigkeiten:
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| Jeder, kann hier eine 12 erkennen. | Ich sehe vllt. eine 6, aber es ist eine 5. | Ich sehe mit Fantasie eine 2, aber das ist gar keine Zahl. | Eine 42, das ist einfach. |
Manche Gefühle kann ich klar empfinden (Farbtafel 1), bei anderen Gefühlen sehe ich nur Teile des Ganzen (Farbtafel 11) und benenne sie oft nicht richtig. Manche Gefühle sind nur wie sinnlos angeordnete bunte Punkte: Ja das ist etwas, aber ich kann Nichts erkennen, nicht beschreiben und bin verwirrt. Noch schlimmer: das ist Nichts, aber ich kann Schemen von „Etwas“ erkennen (Farbtafel 19).
Behindert mich meine Gefühlsfarbblindheit? Im Alltag behindern mich weder meine Rot-Grün-Sehschwäche noch meine „Sehschwäche“ für Gefühle. In der Psychotherapie dagegen, stört mich, dass ich die Gefühlsfrage nicht beantworten, zumal die Gefühlsfrage wichtig ist.

Anderseits bin ich froh, dass ich nur gefühlsfarbenblind bin und nicht etwa gefühlslos, innerlich tot bin. So und nun? Eine genetische Rot-Grün-Sehschwäche ist angeboren, es gibt keine Therapie. Und bei Gefühlsfarbenblindheit? Tja, keine Ahnung, aber vielleicht kann man hier ja etwas trainieren. Ich probiere aktuell vier verschiedene Methoden:
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- Gefühlswortlisten
Man findet im Internet recht schnell verschiedene Gefühlswortlisten. Sie werden von Schauspielern, Autoren und Therapeuten benutzt. So richtig zufrieden bin ich nicht, denn die aufgelisteten Gefühle treffen meist mein Empfinden nicht, es ist aber ein Ausschluss möglich, immerhin etwas.
- Daily Bullet Journal & Traumtagebuch
Ein Bullet Journal ist gerade besonders hippster. Tatsächlich ist es einfach ein selbstgestalteter Terminkalender. Bei meinen Bullet Journal schreibe ich auf eine Doppelseite links meinen Tagesaublauf. Spontane Gefühle versuche ich über mit kleinen Doodles zu erfassen. Auf der rechten Doppelseite ist Platz für (freie) Gedanken (50%) sowie spezifischer Angenehmes (25%) und Unangenehmes (25%). Mit einem Habbit Tracker für eine ganze Woche versuche ich meine Körperempfindungen, Vitalzeichen, Schlaf, Medikamente, Kaffee, Alkohol, usw. zu erfassen. Ich versuche separat auch meine Nacht-Träume aufzuschreiben, allerdings sind die momentan eher wild und unklar.
- Zeichnen
In der Psychotherapie gibt die Maltherapie um sich an seine Gefühle heranzuarbeiten, vielleicht klappt’s. Und wenn nicht, hat mir früher Zeichnen Spaß gemacht und allein das ist schon super. - Moodpath
Die iOS-App Moodpath stellt einem über einen 14tägigen Zeitraum morgens, mittags und abends jeweils drei Fragen. Nach zwei Wochen gibt’s dann eine Auswertung (für Patienten und Therapeuten) über sein Verhalten. Die App stellt zwar ausdrücklich keine Diagnose, aber sie beruht auf typischen Testfragen, die sich bei der Diagnose einer Depression bewährt haben. Zusätzlich versucht die App über Depressionen aufzuklären, gibt Hinweise zu Behandlungsmöglichkeiten, Kontaktadressen, usw. Mit der Moodpath-App habe ich zum Teil meinen Problemen erst den Namen Depression geben können und dann auch erst Hilfe gesucht.
- Gefühlswortlisten
Stay tuned!
P.S.:
Der phychologische Fachbegriff für meine Wortschöpfung „gefühlsfarbenblind“ ist Alexithymie:
… gebildet aus den griechischen Wortstämmen α- (a-) „nicht“, ἡ λέξις (he léxis) „Rede/Wort“[2] und ὁ θυμός (ho thymós) „Gemüt“;[2] ἡ λέξις wiederum kommt von λέγω, was auch „lesen“ heißt; Alexithymie ließe sich also übersetzen mit: „Unfähigkeit, Gefühle zu ‚lesen‘ und auszudrücken“ [Wikipedia: Alexithymie].
P.P.S.:
Es gibt einen Online-Test um das Ausmaß der Alexithymie zu messen: www.alexithymie.com/test.html. Aber nicht erschrecken, etwa 10% der Bevölkerung haben eine Alexithymie als Persönlichkeitsmerkmal.
P.P.P.S.: Es ist typisch für einen Menschen mit Alexithymie seine Gefühle eher mit „Fakten“ erfassen zu wollen, so sind seine Gefühle besser greifbar für ihn. Hier meine Ergebnisse des Tests, allerdings nicht ganz eindeutig:
Dein Ergebnis: 114 Punkte

Du zeigst starke Anzeichen von Alexithymie.
Kategorie: Schwierigkeit Gefühle zu Identifizieren: 23 Punkte (15 – 18)
In dieser Kategorie zeigen Sie starke Anzeichen von Alexithymie.
Kategorie: Schwierigkeit Gefühle zu beschreiben: 14 Punkte (10 – 12)
In dieser Kategorie zeigen Sie starke Anzeichen von Alexithymie.
Kategorie: Interpretation und Deutung von Gefühlen: 8 Punkte (8 – 9)
In dieser Kategorie zeigen Sie einige Anzeichen von Alexithymie.
Kategorie: Extern orientiertes Denken: 23 Punkte (18 – 21)
In dieser Kategorie zeigen Sie starke Anzeichen von Alexithymie.
Kategorie: Beschränkte Vorstellungsprozesse: 16 Punkte (18 – 21)
In dieser Kategorie zeigen Sie keine Anzeichen von Alexithymie.
Kategorie: Problematische persönliche Beziehungen: 18 Punkte (15 – 18)
In dieser Kategorie zeigen Sie einige Anzeichen von Alexithymie.
Kategorie: Sexuelle Schwierigkeiten und Desinteresse: 12 Punkte (10 – 12)
In dieser Kategorie zeigen Sie einige Anzeichen von Alexithymie.





Puh… ich habe jetzt Kopfschmerzen. Das ist bei mir sowieso eher gegeben: körperliche Reaktion statt dass ich ein Gefühl benennen könnte. Meist versuche ich andere Menschen in ähnlichen Situation zu spiegeln (mäßig erfolgreich). Danke für den Artikel und die Links (wobei das Testergebnis für mich eher ‚erschütternd‘ ist…) Aber ich nehme aus euren beiden Artikeln ein paar Tipps mit, gerade auch im Umgang mit anderen und was man sagen und vorschlagen könnte. Danke.
Hej hej Namika,
schön, dass Dir die Blogbeiträge geholfen haben … auch ich bin froh, mich in dem Blogbeitrag von Nora Fieling wiederfinden zu können. Oft hilft es schon zu erkennen, dass man kein Einzelfall ist.
Get well soon
René